04.11.2026
Teil III: Resonanz – Der Leib als Resonanzkörper?

Nach Hartmut Rosa verleiblichen wir (uns) die Welt im wahrsten Sinne des Wortes: Wir atmen Welt ein. Wir essen und trinken Welt. Unsere Beziehung zur Welt ist immer auch eine leibliche.
Unser Leib steht in einem ständigen Wechselspiel mit der Welt. Die Haut spielt dabei eine zentrale Rolle: Sie lässt uns berühren – und schützt uns zugleich. Sie ermöglicht Kontakt, Abgrenzung und Reaktion. Sie ist ein sensibler Spiegel der Resonanz.
Wenn wir frieren, bekommen wir eine Gänsehaut – die Welt berührt uns. Wenn wir schwitzen, reagiert der Körper auf Reize von außen – oder von innen. Auch emotionale Reaktionen zeigen sich leiblich: Wir erröten, wenn uns etwas peinlich ist, oder erbleichen vor Schreck.
Der Leib ist somit ein unmittelbarer Resonanzkörper. Er antwortet auf die Welt – sichtbar, spürbar und unmittelbar.
Auch unsere Atmung wird bei Rosa zum Ausdruck eines Resonanzgeschehens. Wenn wir vor Spannung den Atem anhalten – etwa wenn ein Seiltänzer zu stürzen droht –, zeigt sich in diesem unwillkürlichen Anhalten des Atems ein Mitfühlen, ein Mit-Schwingen. Rosa spricht in diesem Zusammenhang vom sympathetischen Atemanhalten als leiblicher "Ausdruck eines (sozialen) Resonanzgeschehens" (Rosa, 2024, S. 94).
Der Körper wird so zur Bühne, auf der sich Resonanz vollzieht. Er ist nicht nur Medium, sondern Ort der Beziehung zur Welt.
Und der Leib spricht weiter …
Die Haut und die Atmung sind vielleicht die offensichtlichsten und ursprünglichsten Resonanzorgane – aber nicht die einzigen. Der gesamte Leib ist auf Resonanz hin angelegt.
Auch der Magen kann ein Resonanzorgan sein. Er rebelliert bei Aufregung, verkrampft sich bei Stress – oder entspannt sich in Momenten von Ruhe, Wärme, Geborgenheit. Wir sagen nicht umsonst: Das schlägt mir auf den Magen.
Die Augen? Sie sind Fenster und Spiegel zugleich. In ihnen zeigt sich Resonanz in Bruchteilen von Sekunden: Ein Blick, der erwidert wird – oder eben nicht. Augen, die glänzen vor Freude, vor Rührung, vor Tränen.
Was davon zeigt sich (oder zeigt sich auch nicht) in der Begleitung von Sterbenden? Wie stellen Begleiter*innen Resonanzräume her?
Im nächsten Teil werde ich einen Blick auf die erhobenen Interviewtranskripte.
Literatur: Rosa, Hartmut (2024). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. 8. Auflage. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.