04.11.2026
Panama

„Die Kiste roch nämlich nach Bananen. Und was stand auf der Kiste geschrieben? «Pa-na-ma», las der kleine Bär. »Die Kiste kommt aus Panama, und Panama riecht nach Bananen. Oh, Panama ist das Land meiner Träume«, sagte der kleine Bär. Er lief nach Hause und erzählte dem kleinen Tiger bis spät in die Nacht hinein von Panama. »In Panama«, sagte er, »ist alles viel schöner, weißt du. Denn Panama ist das Land unserer Träume, Tiger. Wir müssen sofort morgen nach Panama«“ (Janosch, »Oh, wie schön ist Panama«).
Mein gesamtes Wissen über Panama bestand lange Zeit aus ungefähr drei Quellen:
erstens aus „Oh, wie schön ist Panama“,
zweitens aus der vagen Erinnerung, dass irgendwo ein Kanal existiert,
und drittens aus den Reaktionen meines Umfelds:
„Panama? In welchem Land liegt das?“
Oder – mein persönlicher Favorit:
„Ach so, das ist wirklich ein Land? Ich dachte immer, Janosch hätte sich das nur ausgedacht.“
Tatsächlich scheint Panama im kollektiven deutschen Bewusstsein ungefähr denselben Status zu besitzen wie Atlantis: Man hat davon gehört, ist sich aber nicht ganz sicher, ob es wirklich existiert. Die großen Verlage tragen zu dieser Unsicherheit bei. Reiseführer über Panama sind rar. Offensichtlich gilt das Land als touristischer Nebengedanke.
Vielleicht zu Unrecht. Vielleicht aber auch zu Recht – denn manche Paradiese funktionieren nur so lange, wie niemand allzu gründlich darüber schreibt.
Ich lande Anfang März in Panama-Stadt, nach einem langen deutschen Winter, und habe das Gefühl, direkt durch die Pforte des Gartens Eden zu spazieren.
Im Garten meines Hotels in Santa Fé, mitten in Panama und nahe dem gleichnamigen Nationalpark, verbringe ich dann Stunden allein zwischen Bananenstauden und Hibiskusblüten. Kolibris schwirren um mich herum wie winzige, hyperaktive Helikopter und trinken Blütennektar, als hätten sie sich zu einem Wettbewerb verabredet. Die Kolibris verweigern leider konsequent jede fotografische Annäherung.
Geckos liegen auf warmen Steinen und wirken dabei so gelassen, als hätten sie den Sinn des Lebens längst verstanden.
Ich sitze im Schatten eines Baumes und frage ich mich ernsthaft, ob ich den Flug oder die kurvige Fahrt durch die Berge vielleicht gar nicht überlebt habe und nun – ohne es richtig bemerkt zu haben (ich bin ja gelegentlich etwas verpeilt) – bereits im Jenseits angekommen bin.
Sollte hier nicht irgendwann ein nackter Adam um die Ecke kommen?
Und mir Verführung vorwerfen?
Nicht etwa, weil ich ihm aktiv einen Apfel angeboten hätte, sondern, weil er selbst nicht auf die Idee gekommen ist, sich einfach einen vom Baum zu pflücken (Nachtrag zum Weltfrauentag).
Vielleicht wartet irgendwo auch eine Schlange mit philosophischen Ratschlägen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ihre Botschaft heute noch dieselbe wäre wie in der Genesis. Möglicherweise würde sie inzwischen eher sagen: „Nach dem Apfel wird alles komplizierter.“
Die Geschichte vom Sündenfall erscheint mir jedenfalls plötzlich erstaunlich plausibel. Man sitzt friedlich in einem Garten, alles wächst, alles blüht, alles funktioniert – und dann kommt jemand auf die Idee, über Gut und Böse nachzudenken.
Doch bevor ich diese theologische Überlegung weiter ausführen kann, kommt tatsächlich jemand um die Ecke.
Der Hahn.
Der mich bereits vor Morgengrauen geweckt hat.
Gefolgt von seinem Harem.
Man merkt: Auch im Paradies gibt es patriarchale Strukturen.
Trotzdem spüre ich so etwas wie Erkenntnis – allerdings nicht die dramatische Erkenntnis aus der Genesis, die zur Vertreibung aus dem Paradies führt, sondern eine sehr viel bescheidenere.
Ich bin an einem besonderen Ort gelandet.
An einem Ort, an dem Tiere noch frei leben. Hunde scheinen hier nie eine Leine gesehen zu haben. Sie streunen den ganzen Tag durch die Gegend und kehren irgendwann – müde, zufrieden und offenbar nach eigener Entscheidung – nach Hause zurück. Das gilt ebenso für Hühner, das Schwein „Rosy“ und natürlich für Katzen.
Hier, wo alte Menschen ihre letzten Jahre nicht in Pflegeheimen verbringen, sondern aktiv bleiben. Kaffee anbauen. Kaffee rösten. Kaffee trinken. Und bis ins hohe Alter durch die Hügel reiten während über den Bergen langsam die Sonne untergeht.
Idealisiere ich gerade?
Sehr wahrscheinlich.
Tut mir das gut?
Absolut.
Nervt mich der Hahn?
Ja.
Noch drei Tage im Garten Eden liegen vor mir. Danach wird vermutlich ein Mann erscheinen und mich hinauskomplimentieren. Der Hotelbesitzer.
Nicht, weil ich in einen Apfel gebissen habe.
Sondern, weil die nächsten Gäste mein Zimmer gebucht haben.
So funktioniert Vertreibung aus dem Paradies im 21. Jahrhundert:
nicht durch göttliche Intervention, sondern durch eine höfliche Erinnerung an die Check-out-Zeit.
Vielleicht ist das auch ganz richtig so.
Denn das Entscheidende am Paradies ist vermutlich nicht, dort zu bleiben. Sondern irgendwann wieder zu gehen – mit einer kleinen Portion „Erkenntnis“ im Gepäck. Sozusagen mit einem Apfel für unterwegs.
Und dann werde ich wieder dorthin zurückkehren, wo Tiger und Bär einst aufgebrochen sind, um ihr eigenes Panama zu suchen. Und vielleicht feststellen:
„Oh, wie schön ist Bielefeld.“
Aber jetzt wartet erst einmal mein Pferd.
Und das Paradies.
Für heute.