04.11.2026
Handnegative auf Sulawesi: Ein „Ich war hier“ in Steinzeitsprache?

In diesen ersten Tagen auf Sulawesi, an denen wir zunächst die Höhlen bei Makassar und später auf der Insel Muna besichtigen, versuche ich immer wieder, mich in die damaligen Menschen hineinzuversetzen. Was waren die Gedanken der Menschen, die hier vor 30.000, 40.000, 50.000 und 60.000 Jahren standen, die Höhlenwände berührten, ihre Spuren hinterließen? Den eigenen Handabdruck an einer Wand zu hinterlassen, kann unterschiedliche Bedeutungen haben.
Ich denke zuerst: Es ging darum, etwas von sich selbst zu hinterlassen. Mein eigener Handabdruck, etwas von mir, etwas sehr Individuelles, wie eine Unterschrift. Eine Erinnerung daran, dass ich in dieser Höhle war. Etwas, das bleibt, wenn ich längst wieder gegangen bin. Ein „Ich war hier“ in Steinzeitsprache.
Drückt sich darin ein Bewusstsein für die eigene Person aus, vielleicht sogar für die eigene Endlichkeit? Der Wunsch, etwas von sich zu bewahren, auch wenn man nicht mehr da ist? Oder ist das schon zu viel Interpretation?
Die Hände, die überall an den Wänden auftauchen, erwecken stellenweise den Anschein, als sei hier eine Kita-Gruppe aktiv gewesen. Dieser vertraute Anblick macht es mir schwer, mir ihr tatsächliches Alter vorzustellen.
Wer die Höhle betritt und sich an das Licht gewöhnt hat, bemerkt schnell: Jemand war schon vor mir hier. Ein Mensch hat seine Hand an diese Wand gehalten. Erst wissenschaftliche Datierungen geben uns Hinweise darauf, wie unendlich lange das her ist. Ohne dieses Wissen könnte man meinen, die Menschen seien nur kurz fort und könnten jederzeit zurückkehren.
Vielleicht sollten die Hände auch genau das vermitteln: Hier ist schon jemand. Dieser Ort gehört uns. Eine Hand kann schließlich auch heißen: Halt! Stopp! Nicht näher! Nein!
Ich lese in den Handnegativen zunächst ein „Ich war hier“. Aber vielleicht war es eher ein „Du sollst hier nicht sein“? Eine Warnung, eine Grenze, die andere nicht überschreiten sollten? Auch das ist eine Deutung, auf die mich mein heutiges Verständnis von Gesten bringt. Vielleicht hatten die Hände eine Bedeutung, auf die ich heute gar nicht komme …
Oder ging es den Menschen weniger darum, ihr „Revier“ zu markieren, sondern vielmehr darum, die Höhlenwände zu beleben? Eine mit Händen verzierte Wand wirkt fast schon lebendig.
Einige der Handnegative haben seltsam spitz zulaufende Finger und wirken auf mich beinahe wie Krallen. Sollte hier womöglich signalisiert werden, dass Menschen mit Krallen an diesem Ort leben? Ein Abschreckungsmanöver? Eine ziemlich spekulative Vorstellung. Vor diesen Wänden stehend merke ich, wie schnell ich anfange, Geschichten zu den Händen zu erfinden, die wahrscheinlich mehr über mich aussagen als über die damaligen Menschen.
Trotzdem glaube ich, dass diese Menschen uns ähnlicher waren, als wir oft vermuten. Vielleicht waren sie beim Hinterlassen der Hände neugierig, hatten Spaß am Ausprobieren und lachten ausgelassen. Auch das kann ich nicht wissen.
Je länger ich die Hände betrachte, desto weniger fremd erscheinen mir die Menschen, die sie hinterlassen haben.